Hochwertige Inhaltsstoffe wie Vitamine und Nanopartikel sind empfindlicher als man denkt. Wir sprachen mit Apotheker Dr. B. Stockebrand darüber, warum ein einziger Lufthauch genügt, um Bakterienwachstum zu starten, und weshalb Temperaturschwankungen die Wirkung teurer Cremes zunichte machen können.
Warum gekühlte Lagerung?
biszet: Nach dem Öffnen von Kosmetika wird häufig 'gekühlte Lagerung' empfohlen. Warum?
Dr. B. Stockebrand: Hochwertige Kosmetik- und Pflegeprodukte werden mit sehr großer Sorgfalt hergestellt. Sie enthalten hochgereinigte Inhaltsstoffe, möglichst keimarm und frei von Allergenen. Sobald aber eine Tube oder ein Tiegel geöffnet werden, reicht bereits ein Lufthauch, um erste Bakterien mit den Inhaltsstoffen in Berührung zu bringen. Durch die Benutzung mit den Fingern werden weitere Keime in die Substanzen hineingetragen.
Durch den Sauerstoff in der Luft, vor allem aber durch Temperatureinwirkung können sich diese Keime rasch vermehren, wenn das vorhandene Konservierungsmittelsystem überfordert ist. Allerdings geht der Trend zu immer sparsamerer Konservierung, um die Belastung der Haut möglichst gering zu halten.
Exponentielles Bakterienwachstum
biszet: Wie rasch vermehren sich denn diese Keime?
Dr. B. Stockebrand: Es sind Mikroorganismen bekannt, die sich bei einem Temperatursprung von 10 °C exponentiell vermehren. Bei einer Lagerung bei 20 °C vermehren sich manche Bakterien unter Umständen 30-fach so schnell wie bei einer Lagerung bei nur 10 °C.
Wirkungsverlust durch Stoffwechsel
biszet: Welchen Einfluss haben Bakterien und Keime auf die Wirksamkeit von Kosmetika?
Dr. B. Stockebrand: Bakterien ernähren sich von den wertvollen Inhaltsstoffen. Dadurch werden die Wirkstoffe umgebaut. Neue Stoffwechselprodukte werden abgegeben, wie z. B. Buttersäure. Der Inhalt wird völlig verändert. Die gewünschte Wirkung bleibt aus, es können sogar unerwünschte Wirkungen eintreten, wie z.B. Allergien.
Vitamin A, C und E in Gefahr
biszet: Welche Inhaltsstoffe reagieren besonders sensibel auf Wärme?
Dr. B. Stockebrand: Das sind vor allem die Vitamine A, C und E. Diese sind als so genannte Antioxidanzien in vielen Anti-Falten-Crèmes enthalten. Sie verhindern oxidative Zersetzungsprozesse im Unterhautgewebe. Denn Oxidanzien zerstören das Gewebe, Kollagenfasern der Unterhaut verändern sich und führen so zur Faltenbildung. Durch die Vitamine wird dieser Prozess verhindert. Diese sind jedoch wärmeempfindlich. Je niedriger die Temperatur, 'umso wohler fühlen sie sich'.
Wenn sich die Creme trennt
biszet: Bei der Lagerung kommt es häufig zu erheblichen Temperaturschwankungen. Was bewirken diese in den Crèmes?
Dr. B. Stockebrand: Sicher haben Sie schon mal beobachtet, dass sich Crèmes nach einiger Zeit in dicke und dünne Bestandteile trennen. Dies ist oft die Folge von Temperaturschwankungen.
biszet: Was passiert denn da konkret?
Dr. B. Stockebrand: Temperaturschwankungen lösen eine intensive Teilchenbewegung aus. Hochkomplizierte Systeme fallen in sich zusammen. Die Inhaltsstoffe entmischen sich und stehen nicht mehr in der gewünschten Zusammensetzung zur Verfügung.
Zerfall von Nanopartikeln
biszet: Warum kann das die Crèmes unwirksam machen?
Dr. B. Stockebrand: Hochwertige Inhaltsstoffe werden z.B. durch Lecithin umhüllt und als kleinste Teilchen (so genannte Nanopartikel) direkt in das Untergewebe der Haut geschleust, um dort ihre Anti-Aging-Wirkung zu entfalten. Alle diese Systeme sind wärmeempfindlich, was dazu führen kann, dass diese Partikel einfach platzen und die Wirkstoffe nicht mehr an ihren Bestimmungsort im Unterhautgewebe gelangen können.
Verlust des Lichtschutzfaktors
biszet: Auch zur Erhaltung des Lichtschutzfaktors wird gekühlte Lagerung empfohlen. Warum?
Dr. B. Stockebrand: Viele Lichtschutzsubstanzen werden von den bereits erwähnten Bakterien einfach einverleibt. Bei einer Lagerung zwischen 20 und 25 °C kommt es zu einem Verlust der Wirksamkeit von 5 - 10 % pro Jahr. Durch gekühlte Aufbewahrung reduziert sich die Wirkung nur um einige wenige Prozent.
Fazit: Das Bad ist eine Zumutung
biszet: Halten Sie also die Nutzung eines biszet-Schranks für sinnvoll?
Dr. B. Stockebrand: Ja, ich halte die Aufbewahrung in einem biszet-Schrank allerdings für sinnvoll, für alle Frauen, die ihre Crèmes schützen wollen. Denn das Bad ist im Grunde – durch sein meist feuchtwarmes Klima – eine Zumutung für Kosmetika. Zudem empfehle ich, Crèmes möglichst nicht mit den Fingern, sondern mit dem Spartel zu entnehmen.
Tipp: Welche Temperatur konkret für welchen Hauttyp ideal ist, erklärt Dermatologe Dr. Kruppa in diesem Interview.
biszet: Vielen Dank für das sehr informative Interview.
Dr. B. Stockebrand: Gerne.
